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Brasilien- 11 Monate Sommer


Neue Menschen kennen zu lernen, eine neue, mir unbekannte Sprache zu lernen, in unterschiedlichem Klima und einer anderen Kultur zu leben, lockten mich, das Abenteuer eines Austauschjahres in Brasilien zu wagen.

Fast ohne portugiesische Sprachkenntnisse machte ich mich Anfang August mit 40 anderen Austauschschülern auf den Weg nach Sao Paulo.


Franca, die 300.000-Einwohner-Stadt im Bundesland Sao Paulo, 500km nördlich von Sao Paulo, sollte für elf Monate meine Heimat werden.
Da das Niveau in den öffentlichen Schulen sehr niedrig ist, ging ich auf eine sehr teure Privatschule, die meine Organisation allerdings für mich zahlte. Von meiner Klasse, die aus 43 Schülern bestand, wurde ich sofort herzlich aufgenommen, und die Neugier, Freundlichkeit und Offenheit der Brasilianer machten es mir leicht, schon am ersten Tag Freunde zu finden. Meine Schuluniform bestand, wie in den meisten Schulen, aus einem Schul-T-Shirt und (trotz der Hitze im Sommer) einer langen blauen Jeans. Trotz der hohen Kosten, die für die Schule gezahlt werden, ist das Niveau viel niedriger als in Deutschland – und Schlafen im Unterricht ist durchaus normal.

Obwohl ich keinen Portugiesischunterricht hatte, konnte ich schon nach zwei Wochen das meiste verstehen und mich nach einem Monat in der Landessprache unterhalten.

 

Meine Gastfamilie hatte leider eine ziemlich andere Lebenseinstellung und als es nach zwei Monaten einige Probleme gab, habe ich die Familie gewechselt, was durch die Hilfe von meiner Organisation schnell und ohne Probleme ging. So bin ich bei meiner damals besten Freundin eingezogen. Ihre Familie wurde zu einer zweiten Familie für mich und ich wurde behandelt wie eine normale Tochter/Schwester. Ich habe zwei Gastschwestern (16 und 19) und einen Gastbruder (18). Mein Gastpapa ist Richter, meine Gastmama Rechtsanwältin, aber da mein Gastpapa genug verdient, arbeitet sie nicht. Meine Gastfamilie gehört zur reichen Oberschicht Brasiliens, weshalb sie ein ziemlich großes Haus mit Swimmingpool besitzen, was eher eine Seltenheit ist. Unsere zwei Hausmädchen sind für’s Kochen, Putzen, Wäsche-Waschen und, da es keine Geschirrspülmaschine gibt, auch für das Geschirr-Spülen zuständig. Da mein Gastpapa drei Tage pro Woche in Sao Paulo arbeiten muss, haben sie dort eine Wohnung, weshalb wir oft einen Wochenendausflug nach Sao Paulo machten.

 

Im Dezember fuhr ich mit Austauschschülern aus den verschiedensten Ländern der Welt zu den wunderschönen, weltberühmten Wasserfällen nach Foz do Iguaçu am Dreiländereck Brasilien – Argentinien – Paraguay. Bei 42°C im Schatten und einer extremen Luftfeuchtigkeit besichtigten wir die riesigen Wasserfälle von brasilianischer Seite aus zunächst vom Ufer und später auch von oben, durch Brücken, die über die Schluchten führen. Mit dem Jeep machten wir eine kleine Safari durch den tropischen Regenwald. Vorbei an Lianen und anderen tropischen Bäumen und Gewächsen entdeckten wir sogar kleine Affen, große Schlangen und Gekos. Am Ende unserer „Dschungelrundfahrt“ wartete ein großes Motorschlauchboot, um uns unter die Wasserfälle zu bringen. Obwohl wir noch unter verhältnismäßig kleinen Wasserfällen fuhren, kam so viel Wasser herunter, dass man un möglich aufrecht sitzen konnte und an Augen-Aufmachen gar nicht zu denken war. Auf der argentinischen Seite ging es einige Kilometer über eine Fussgängerbrücke, die uns über den Fluss Paraná führte, bis wir an der „Diabolokehle“ angekommen waren. Zwischen Dezember und Februar stürzen dort 7000m³ Wasser pro Sekunde in die Tiefe.

Am Vormittag unseres letzten Tages in Foz do Iguaçu besichtigten wir das größte Wasserkraftwerk der Welt, Itaipú. Leider war der Stausee nicht voll gelaufen und so konnten wir es bei unserer Führung nur „außer Betrieb“ besichtigen. Nach einem kurzen Halt am Dreiländereck fuhren wir über die Grenze nach Paraguay auf einen Markt, der die Größe Pockings hat, um vor allem auch traditionelle Dinge billig einzukaufen, denn dort kann man wirklich alles erstehen. Zum Abschluss gingen wir am Abend in eine Vorstellung, in der traditionelle Tänze und Musik aus den drei Ländern gezeigt wurden und es außerdem ländertypisches Essen gab. In dieser Woche war ich von der Gewalt der Natur so beeindruckt wie noch nie zuvor.

 

Drei meiner zehn Wochen Sommerferien habe ich in der 19-Millionen-Einwohner-Stadt Sao Paulo verbracht, wo der Unterschied zwischen Arm und Reich unglaublich ist. Während sich am Rande Sao Paulos endlos Favelas türmen, findet man woanders sehr viele reiche Stadtteile. Mit meiner Gastmama und meiner Gastschwester habe ich eine Sightseeingtour durch Sao Paulo gemacht. Unter anderem haben wir auch das Zentrum mit dem Nullpunkt, der ältesten Kirche und Universität Sao Paulos und der Markthalle besichtigt. Wir haben uns nicht entgehen lassen, das zweithöchste Gebäude Sao Paulos hoch zufahren, um uns Sao Paulo von oben anzusehen, wobei man die Enden der Stadt trotz sehr guten Wetters nicht erblicken konnte.

 

Als das neue Schuljahr losging, kehrte wieder der Alltag ein, das heißt, ich war jeden Tag von 7-13 Uhr in der Schule, am Nachmittag hatte ich Sportunterricht und an den Wochenenden machten wir Ausflüge oder ich traf mich mit Freunden.

Irgendwann habe ich mit der brasilianischen Kampfsportart Capoeira angefangen, bei der vor allem Gesang und Musik (Trommeln und Berimbau) eine große Rolle spielen.

 

Im Mai fuhr ich mit meiner Gastfamilie eine Woche in den Süden auf die Insel Florianópolis. Es gibt dort sehr viele Deutsche, da die Städte und Dörfer ehemalige deutsche Siedlungskolonien sind. Wir haben viel Zeit an den zahlreichen Traumständen mit meterhohen Wellen verbracht, sind aber auch in verschiedene Städte gefahren, zum Beispiel Blumenau, welche DIE deutsche Stadt in Brasilien ist.

 

Mitte Mai kam meine deutsche Familie für eine Woche zu Besuch. Nachdem ich Eltern und Geschwistern meine Stadt und meine Schule gezeigt hatte, fuhr ich mit ihnen und meiner Gastfamilie ein paar Tage an den Strand.

 

Letztendlich habe ich mich an die brasilianische Unpünktlichkeit, das Küsschen zur Begrüßung und Verabschiedung, den Stau in Sao Paulo und vor allem an Reis und Bohnen, die Standardmahlzeit von Montag bis Samstag, gewöhnt.

Der Abschied von Brasilien, vor allem von meiner Gastfamilie und meinen Freunden, wird mir extrem schwer fallen. Ich würde das Ganze auf jeden Fall noch einmal machen und kann jedem nur empfehlen, einen Austausch, vor allem auch in nicht-englisch sprachige Länder, zu wagen.

Theresa Richter